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Die ereignisreiche Geschichte am Oberrhein

 

Die Geschichte der Trinationalen Metropolregion beginnt um 1097 mit einer Fehde zwischen dem Schwabenherzog  Bertold II. und  dem Staufenherzog Friedrich I.  (1079-1105) um Gebiete am Oberrhein.

 

Bertolds Herrschaftsgebiet erstreckt sich nach der Vermählung mit Agnes von Rheinfelden im Jahre 1092 bis in die heutige Schweiz über Langenthal und Bern bis zum Thunersee und zur Aare.  Die fromme Gattin kümmert sich besonders um das Benediktinerkloster St. Peter, das Bertold II. im Jahre 1093 stiftet, und er allda wie die meisten Zähringer Herzöge auch begraben ist.

 

Im Jahre 1098 kommt es zur Verständigung mit Friedrich von Staufen, der bei der Teilung des Herzogtums unter anderem die linksrheinischen Gebiete erhält, wenn auch eine Chronik vermeldet, dass der theil des obern Elsaß, wie auch das Suntgaw, ist noch anno 1100 von underschidlichen Graffen, Edlen und Freyen besessen und ein Jeder für ein standt des Reichs gehalten worden, welche sich stetigs einander gezanckt und geschlagen, bis die graven von Habspurg die Stärcksten worden und das meiste theils mit gewalt, theils durch heurath und kauff an sich gebracht [Bade61].

 

Als im Breisach der Zähringer Bertold V. regiert, kommt die ober Landtgraffschafft Elsaß, so sehr gering war, [kame] anno 1200 durch heurath an grave Albrechten (III., 1167-1199) von Habsburg … Jedoch weil etliche Stätte und Lande in solche verenderung nit willigen wollten, also wurden von Kayser Friderich II (1220-1250) wegen vieler Kriege im Elsaß ein Reichsvogt verordnet, die Reichsvogtey Hagenaw ufgerichtet und die zehen Stätte Mühlhausen, Colmar, Schlettstadt, Kaysersperg, Münster in S. Gregorienthal, Ober=Ehenheimb, Rosenheimb, Tückheimb, Hagenaw, Weissenburg und Landaw in seinen schutz ubergeben*.

*Ober-Ehin-Heim (Heim an der Ehin) ist der ursprüngliche Name von Obernai. In der obigen Aufzählung sind es elf Städte. Landau in der Pfalz kam erst im Jahre 1521 in den später Dekapolis genannten Städtebund, nachdem sich Mühlhausen 1515 auf ewig der Eidgenossenschaft angeschlossen hatte aber nur bis 1798 schweizerisch bleibt.

 

 

Die Habsburger übernehmen die Macht

 

Nach dem Tode Friedrich II. bewährt sich dieser erste Schutzbund der Städte während des folgenden Interregnums nur zum Teil.  Erst nach der schrecklichen, der kaiserlosen Zeit gelingt es Rudolf von Habsburg, alle kaiserlichen und hohenstaufischen Güter im Elsass einzusammeln, sonderlich anno 1273, da graff Rudolphus zu römischen Reich kommen, wo ihm Jedermann weichen und seinen Prätensionen raum geben müeßen [Bade61]. Als Kaiser übergibt Rudolf 1280 das Gebiet zwischen Basel und dem Speyergau an seinen Neffen Otto von Ochsenstein zum Lehen, der als Schutzherr ins kaiserliche Schloss zu Hagenau einzieht. Das ist der Neubeginn der ehemals hohenstaufischen Landvogtei unter den Habsburgern. Reichsvogt Otto als Stellvertreter des Kaisers übt nunmehr die Gerichtsbarkeit über die Wälder und Abteien, die fünfzig Reichsdörfer der Region und die oben erwähnten zehn Städte aus. Dagegen garantiert der Vogt den Bürgern seinen Schutz. Das Joch des Kaisers erweist sich als leicht, der gewährte Schutz jedoch häufig als wenig wirksam.  

 

Als 1291 Rudolf stirbt, geht die Königskrone an Adolf von Nassau. Da schlagen sich die Rosheimer und Colmarer auf die Seite des Straßburger Erzbischofs Konrad von Lichtenberg eines glühenden Anhängers der Habsburger. Deshalb zieht Adolf gen Colmar, welches  sich nach einer einmonatigen Belagerung ergeben muss. Als Albrecht von Österreich nach dem Tode Adolfs 1298 zum deutschen König gewählt wird, vergisst der neue Herrscher die Anhänglichkeit dieser Städte  an sein Haus nicht und bestätigt ihnen den Status einer freien Reichsstadt.  

 

Zu gleichem haben sie (die Habsburger) auch den meisten theil des Preyßgaws neben dem Schwartzwaldt dadurch bekommen, daß sie Erben der herzogen von Zäringen oder Schwaben worden. Ebenso sin anno 1324, als graff Ulrich der letzte des geschlechts derer von Pfürdt gestorben und dessen herrschaften dem Bistumb Basel heimbgefallen, von Herzog Albrecht von Oesterreich, weil er eine grävin von Pfürdt zur gemahlin gehabt, dieselben als ein Lehen vom Bistumb eingenommen und dadurch der meiste theil des Suntgaws, als Pfürdt, Altkirch, Dattenriedt, Beffort, Rosenfels, Maßmünster, Thann, Sennheim, Lanfer etc. an das hauß Oesterreich gefallen [Bade61].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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 Der Bund der zehn Richestette gemeinlich im Elsass

 

Zu Ostern 1354 hält sich Kaiser Karl IV in Kaiserberg auf, wo er formal den Bund der zehn Richestette gemeinlich im Elsass begründet, dem er bereits seit 1349 Reichssteuerfreiheit gewährt hatte. Der Kaiser bestätigt und formalisiert damit die früheren Zusammenschlüsse der Städte: Wir Karl haben mit dem folgende Vertrag den Schultheißen, Bürgermeistern, Stadträten, Bürgern und Gemeinden der Städte Hagenau, Weißenburg, Colmar, Schlettstadt, Oberehnheim, Rosheim, Mühlhausen, Kaiserberg, Türkheim und Münster befohlen, sich mit einem gegenüber uns und dem Reich geleisteten Eid zu vereinigen zum gegenseitigen Schutz und Rat gegenüber jedem, wer es auch sei, außer gegen uns …. Die an diesen Zusammenschluss geknüpfte Gewährung der Reichsfreiheit dient nicht nur den genannten Städten, sondern auch dem Kaiser, der sich damit ein Netzwerk treuer Vasallen im Elsass schafft.  

 

Im Jahre 1408 gibt König Wenzel das Elsass den Pfalzgrafen zu Rhein als Lehen, doch Hagenau, diese Reichsvogtey, dazue die undere Vogtey Kaisersperg und in die 40 dorffschafften im underen Elsaß gehörig, haben vordem die Pfaltzgraven als ein underpfandt für 50000 gulden innen, so ihnen von Kayser Sigismund anno 1423 versetzt worden.*

*Kaiser Sigismund verpfändet den Pfalzgrafen dieses Lehen für 50000 Gulden.  

 

Die zehn Städte florieren durch ihren Weinbau, denn der vortreffliche Wein wird nicht nur am Ort getrunken, sondern nach Schwaben, Baden, Lützelburg (Luxemburg), dem Westrich (der Westen des Reiches), Brabant, den Niederlanden und in die Stadt Frankfurt exportiert. Sebastian Münster berichtet: Weißenburg hat einen trefflichen grossen weinwachs, welcher fast die fürnembste narung der Bürgerschaft zu Weissenburg und anderer umbligender flecken ist. Weitere Ausfuhrartikel der Deakapolis sind Tücher und Esskastanien: Es ziehen auch die bürger in der statt Weissenburg … viel fruchtbarer kestenwäld dernn sie hochöich geniessen, und werden derselben kestenweld früchten, als die viel besser dann man zuerst andere kesten finden mag, von den Thüringer furleuten nach und in dem herbst, sbald siw anfahen zeitig (reif) zu werden, in grosser anzal geholt, in Thüringen, Sachsen und andere Land gefürt…    

 

 

Bauerunruhen

 

Das Ende des 15. Jahrhundert sieht eine immer weiter um sich greifende Verelendung des Landvolks. Schon 1493 gibt es einen Bauernaufstand im habsburgischen Elsass in der Gegend von Schlettstadt mit 1500 Verschworenen. Die Lage wird so bedrohlich, dass Kaiser Maximilian 1493 mit den Bischöfen von Basel und Straßburg sowie den Städten Basel, Colmar und Schlettstadt einen Bund zur gegenseitigen Hilfeleistung gegen die aufrührerischen Bauern schließt. Dieser Einschüchterungsversuch gelingt bis zum Jahre 1511, als sich die Bauern in Weißenburg, Altenstadt, Schleithal und Seebach gegen ihre geistliche Herrschaft der Klöster der Benediktiner, Dominikaner, Franziskaner und Augustiner erheben. Gegen diese Aufstände kämpft der Zehnstädtebund nach einem Treffen in Hagenau gemeinsam.  

 

Rechtsrheinisch machte ein gewisser Jodocus (Joß) Fritz aus dem Dorf Untergrombach bei Bruchsal mit einer Verschwörung von sich reden. Die Aufständigen verständigen sich mit der Losung: Loset (hört), was ist jetzt für ein Wesen? Antwort: Wir können nicht vor Pfaffen und vor Adel genesen [Schr57]. Diesen Aufruhr erstickt die Obrigkeit im Keim. Joß muss fliehen und taucht unter.

 

Im Juni 1524 bricht zunächst im Südschwarzwald in der Herrschaft Stühlingen ein Bauernaufstand aus. Der radikale Thomas Müntzer kommt über Basel in den Klett- und Hegau. Er legt den Bauern das Evangelium auf seine Weise aus und predigt den Aufstand gegen die Herrschenden: Es sind die Herren, die nur fressen und saufen und schmausen, Tag und Nacht suchen und danach trachten, wie sie sich ernähren und viel Pfründen kriegen [Schw09]. Damit schürt Müntzer einen Aufruhr. der sich im Frühjahr 1525 vom Hegau über die Baar und das Markgräflerland bis in den Breisgau verbreitet und sich mit einer Erhebung im Elsass vereinigt. Die katholische Seite sieht in diesen Aufständen die erste Frucht des Lutherischen Evangelii [Kieß02]. Neben diesen evangelischen Einflüssen machen die geistlichen und weltlichen Herren am Oberrhein auch ausländische Einmischung seitens des zwinglianischen Zürich verantwortlich.

 

 

Die Reformation

 

Im Jahre 1522 wird der ehemalige Dominikaner Martin Bucer Vikar in Weißenburg und predigt dort sechs Monate lang das neue Evangelium. Da macht sich der Bischof von Basel große Sorgen und wettert ganz unberechtigt über die gut katholischen Türkheimer: Als wollen die von Türken gern abfallen und gern Lutterisch werden [Vogl09].  

 

Für Bucer dagegen ist die lutherische Richtung vorgegeben, doch stößt er bei der Umsetzung der Reformation im Elsass auf große Schwierigkeiten. Darüber beklagt er sich zusammen mit anderen Prädikanten in einem Brief, den er 1525 nach Wittenberg schickt: Nam Ecclesiae Rhenanae plurimum obnoxiae sunt pontificiae tyrannidi, tum quod Italiae vinciniores, tum quia tota haec regio, quae latissime patet, occupata est ab ecclesiasticis; illi freti potentia, nummis, favore magnatum* [Smol02].

 *Denn die rheinischen Kirchen, sind aufs höchste der päpstlichen Tyrannei verfallen; einmal weil sie nahe bei Italien liegen, dann weil diese ganze Region, die weit offensteht, von Kirchenleuten okkupiert ist. Diese Leute stützen ihre Macht auf das Geld und das Wohlwollen der reichen Leute.  

 

Die Situation ist jedoch nicht ganz so schwarz, wie Bucer sie darstellt, sondern eher angespannt. So erlebt Hagenau Ostern 1525 den Besuch des Straßburger Reformators Wolfgang Capiton, der in seiner Geburtsstadt den neuen Glauben predigt und die Kommunion in beiderlei Gestalt austeilt, während zur gleichen Zeit der aus Straßburg vertriebene fanatische Katholik  Jérôme Guebwiller die örtliche Lateinschule übernimmt. Die Reformation stellt die Dekapolis auf eine Zerreißprobe. Während für viele deutsche Fürsten die neue Religion die Möglichkeit eröffnet, sich gegenüber der katholischen Majestät zu profilieren und emanzipieren, proben die zehn Städte die Versöhnung, den religiösen Kompromiss.  

 

Weit schwerer als der Gegensatz zwischen Katholiken und Protestanten wiegt die discordia zwischen den reformatorischen Kirchen am Oberrhein über das Abendmahlsverständnis, für das Bucer dringend eine concordia anmahnt. Das Marburger Religionsgespräch von 1529 zwischen Luther und Zwingli über die Frage Brot und Wein > Leib und Blut Christi endet jedoch ergebnislos, denn im Urtext des Neuen Testaments findet sich weder das Wörtchen est noch der Zusatz significat [Goer04].  

 

Letztlich sind alle Bemühungen Bucers um eine Einigung der protestantischen Kirchen am Oberrhein vergeblich, denn als im Jahre 1529 die Reformation in der Region ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht, kommt es in Basel zum Bildersturm der Radikalen, während in Straßburg der Stadtrat lediglich die Aussetzung der katholischen Messfeier verfügt, bis bewiesen sey, daß sie Gott gefalle. Somit wird aus dem Münster ein protestantischer Tempel lutherischer Ausrichtung [Gras98].

 

Unter den zehn Städten werden Colmar, Hagenau, Münster und Weißenburg evangelisch, während Kaiserberg, Oberehnheim, Rosheim, Schlettstadt und Türkheim dem alten Glauben treu bleiben. Da mag der Freiburger Franziskanermönch und fanatische Luthergegner Thomas Murner ab 1535 als Pfarrer von St. Johanns in Oberehnheim temperamentvoll gegen die neue Religion predigen, die zehn Städte bleiben im Dialog.

 

Im Jahre 1540 findet in Hagenau eine Konferenz über Religionsfragen im Beisein Erzherzog Ferdinands und des französischen Botschafters statt, die allerdings ohne Ergebnis bleibt. Von den österreichischen Städten am Oberrheine blieben nach dem Vorbilde Freiburgs der katholischen Sache auch Breisach, Waldkirch und Endingen standhaft getreu, während Kenzingen, Neuenburg, Rheinfelden und Waldshut treulos abgefallen [Bade82].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gegenreformationische Bemühungen

 

Als Ferdinand I hat solche (die Reichsvogtei im Elsass)  anno 1558 durch einen Vertrag an sich gebracht und dem hauß Oesterreich einverleibt [Bade61], da lässt der Verlust der Reichsstädte Hagenau und Colmar für den alten Glauben an kriegerische Auseinandersetzungen denken. Mit der Ablösung der Pfälzer durch die Habsburger als Landesherren, fürchtet die Dekapolis um ihre religiöse Freiheit, zumal der erste Repräsentant des Kaisers Nikolaus Bollwiller ein katholischer Hardliner ist. Man schließt die Ränge im Namen der Freiheit und die katholischen Städte halten zu den protestantischen. Im Jahre 1577 kommen die Vertreter der Dekapolis in Straßburg zusammen und bekräftigen formell ihren Vertrag auf gegenseitiger Unterstützung und religiöse Toleranz.    

 

Auch unter den Protestanten bricht wieder einmal erbitterter Streit um den rechten Glauben aus. Im Vorfeld der Wormser Religionsgespräche von 1557 hatten sich die Anhänger der reinen lutherischen Lehre die Gnesiolutheraner nicht mit den Anhängern der Melanchtonschen Ansichten den Philippisten auf eine gemeinsame Diskussionsplattform einigen können, so dass die katholische Verhandlungsdelegation entnervt abgereist war. Als nach dem Scheitern der Gespräche die Parteien in altbewährter Manier mit Streitschriften das Klima anheizen wollen, führt der Freiburger Rechtsgelehrte Huldrichus Zasius aus, dass dies noch mehr verhassung verursachen werde, Gott welle es einmal zue ain mittern und einträchtigen weg richten [Schm99]. So müssen häufig die Landesherren eingreifen, damit ihnen bei einer zu großen Abweichung der Lehrmeinung von der Confessio Augustana in ihren Herrschaften die Friedensgarantie von Augsburg nicht verloren geht.  

 

Immer wieder mahnen besonnene Männer wie der als Lutheraner zum alten Glauben konvertierte Lazarus von Schwendi friedliches Zusammenleben zwischen den Konfessionen an. Als ehemaliger General der kaiserlichen Truppen an der Ostfront gegen die Türken und Autor eines Werks über die Regierung des Reiches und die religiöse Toleranz übt er diese auch in seinem Privatleben, indem er eine Protestantin heiratet. Als er 1573 zum kaiserlichen Reichsvogt in Hagenau ernannt wird, ruht die ganze Hoffnung der protestantischen Städte im Elsass auf ihm. Und er enttäuscht sie nicht. Als die Vorderösterreichische Regierung in Innsbruck ihn auffordert, die drei evangelischen Untervögte von Münster, Türkheim und Kayserberg abzusetzen, ignoriert Lazarus diesen Befehl [Vogl09].  

 

So lässt sich feststellen : Les villes de la Décapole sont toujours prêtes à accorder leur concours à des grandes ligues de paix, au-delà de l’Alsace, dans tout la région du Rhin supérieur, perçu comme un espace économique et culturel commun jusqu’au XVIIe siècle, als der 30-jährige Krieg das Elsass erreicht.

 

 

Der Dreißigjährige Krieg

 

Nach dem Sieg am Weißen Berg bei Prag über den von den Böhmen zu ihrem König gewählten Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz verfolgt der Feldmarschall der katholischen Liga Tilly Anfang 1621 die pfälzischen Truppen unter dem im Dienste Friedrichs stehenden Grafen Ernst von Mansfeld zunächst bis in die Oberpfalz. Mansfeld kann sich dort nicht halten und zieht sich mit seinen Männern in das Elsass zurück, um dort zu überwintern. Er erpresst Schutzgeld von den Städten Landau, Weißenburg und Hagenau während ihm Rosheim widersteht.

 

 Auch Tilly legt die damals übliche Winterpause ein. Im Frühjahr 1622 schickt Herzog Maximilian seinen Feldherrn mit dem Ligaheer in der Hoffnung auf Landgewinn und Kurwürde in die Rheinpfalz. Der verliert dort prompt am 27. April 1622 die Schlacht bei Mingolsheim gegen die vereinigten Truppen des Markgrafen Georg Friedrich von Baden-Durlach und dessen aus dem Elsass zurückgekehrten Bundesgenossen Mansfeld. Doch ein Tilly gibt nicht auf und schlägt, nachdem sich beide feindlichen Heere getrennt hatten, zunächst am 6. Mai die Armee des Markgrafen bei Wimpfen entscheidend. Als Herzog Christian von Braunschweig, dessen Wahlspruch Gottes Freund und der Pfaffen Feind ist, zu Hilfe eilt, erleidet auch er am 20. Juni bei Höchst am Main eine vernichtende Niederlage.  

 

Im Frühjahr 1622 hatte Erzherzog Leopold die Vertreter der Dekapolis in Colmar zusammenkommen lassen und verlangt, ihm eine Armee gegen das tirannische Kriegsvolk zur Landesrettung dieses oberelsässische Vatterland zu finanzieren. Zu spät, denn nachdem im September 1622 Tilly ungehindert Heidelberg, das Zentrum des reformierten Bekenntnisses, eingenommen hatte, entlässt Kurfürst Friedrich Mansfeld und Herzog Christian, die nun arbeitslos als warlords mit ihren Haufen mordend, brennend, sengend und plündernd durch Lothringen ziehen. Nachdem dort nichts mehr zu holen ist, kehrt Mansfeld mit dreißigtausend hungrigen Mäulern ins Elsass zurück. Nach der Einnahme Hagenaus plündert seine Soldateska Weissenburg, Landau, Obernai und die dazugehörigen Dörfer und tut sich vor allem an katholischem Eigentum gütlich. Nach der anschließenden kurzen Belagerung von Rosheim massakrieren die Eroberer wohl in Erinnerung an die Vorjahresschmach dort 150 Männer, Frauen und Kinder. Frauen und Mädchen sind Freiwild, die Stadt wird vollständig ausgeraubt [Vogl09]. Schließlich bieten die Holländer den Truppen vorübergehend Dienste gegen die Spanier an. Doch bald wieder arbeitslos lässt Mansfeld seine Soldaten Ostfriesland leerfressen, während Christian in Niedersachsen einfällt.

 

 

Der Schwed ist kommen, hat alles genommen

 

Es folgen einige Jahre, in denen sich das Elsass von der ersten Welle des Schreckens ein wenig erholen kann. Erst nach der Schlacht um den Lechübergang bei Rain, den die bayrischen Truppen unter Tilly gegen die anstürmenden Schweden unter ihrem Befehlshaber Gustaf Karlson Horn vergeblich verteidigen, zieht es die ausgehungerten Schweden in die von der Kriegsfurie bisher verschonten südwestlichen Gebiete des Reiches. Horn überschreitet am 31. August 1632 die Rheinbrücke bei Straßburg und belagert die Städte Obernai und Rosheim, die sich am 6. September ergeben. Im gleichen Monat nimmt Horn Hagenau ein und stationiert dort eine Garnison von 600 Mann. Andere Städte wie Markolsheim, Oberbergheim, Molsheim, Kaisersberg, Türkheim, Ruffach und Münster leisten keinen Widerstand. Ein Spruch in der Kirche des eroberten Türkheim klagt: Der Schwed ist kommen, hat alles genommen, das Gott erbarm, o wie geht es zu. Am 6. November liegt Horn mit seinen Truppen vor Schlettstadt, welches als katholische Stadt am 12. Dezember den Schweden die Tore öffnet.  

 

Der Tod ihres Königs in der Schlacht von Lützen am 16. November 1632 bremst den Elan der Schweden nur kurzzeitig, denn der resolute, kompromisslose Oxenstierna übernimmt die Regentschaft für die sechsjährige Thronerbin Christina. Die militärische Führung des schwedischen Heeres im Römischen Reich fällt an Feldmarschall Johan Banér und General Gustaf Horn. Dessen Truppen unter Oberstlieutnant Dietrich von Zyllendardt setzen am 18. Dezember 1932 bei Rheinau über den Rhein, nehmen ohne Gegenwehr Endingen, Kenzingen und Staufen und schicken am 19. einen Trompeter vor die Mauern Freiburgs mit einem Schreiben im Namen Gustaf Horns und des Rheingrafen Otto Ludwig, ob die statt freundt oder feind seyn wölle [Rupp83, Maye10].

 

Zu Weihnachten 1632 steht der Württemberger Obrist Bernard Schaffalitzki von Muckendell mit seinen Schweden vor dem Freiburger Mönchstor. Am folgenden Tag wird auf die außerhalb der Stadtmauern gelegenen Frauenklöster St. Katharinen und Adelhausen der Rote Hahn gesetzt. Der Feind ist mit gantzer Macht für die Statt geruckt und hat sie zuo Mitternacht ... heftig mit Schiessen und Fewerwerfen geängstigt ..., und weilen sie under das Geschütz kommen und schon 25 Fewerkuglen hinein geworfen und großen Schaden gethan, und weil die Statt gar nit mit Soldaten besetzt gewesen, haben sich die Burger ... nit weiters defendieren können [Maye10].  

 

Bevor die Belagerer am 29. Dezember zum Hauptsturm blasen, accordiert sich die Stadt (stimmt der Übergabe zu). Die Schweden sichern den Freiburgern zu, dass die Angehörigen der Universität und die Geistlichkeit bei ihren Glauben bleiben dürfen und dass gegen Zahlung von 30000 Gulden Raub und Plünderung durch die 1500 Mann Besatzung unterbleiben sollen.

 

Auf der anderen Rheinseite gelingt es im Januar 1633 einem Hauptmann Bulach Hagenau in einem Handstreich für die Katholischen zurückerobern. Abschließend lässt er 70 Schweden über die Klinge springen. Wütend kehrt Horn zurück, doch belagert er die Stadt vergeblich. Auch Breisach die seit dem 7. Juli 1633 von den Schweden unter dem Rheingrafen Otto Ludwig belagerte kaiserliche Festung ergibt sich nicht.

 

 

La misère s’est installée

 

Im Herbst 1633 beabsichtigt der spanische Gouverneur von Mailand Gomez Suarez de Figuera Duca di Feria mit einem Heer von Norditalien auf dem Landwege in die holländischen Provinzen ziehen, um die abtrünnigen Niederländer endlich in die Knie zu zwingen. Er möchte, auf dem Weg durch Süddeutschland sein Heer durch Rekrutierungen vervollständigen und bietet dafür an, im Vorbeimarsch Breisach den Schlüssel des Reiches zu entsetzen. Als die Streitmacht von 16000 Mann auf Freiburg zurückt räumt die schwedische Besatzung die Stadt. Doch nachdem die Spanier in Richtung Niederlande abgezogen sind, nimmt sich Rheingraf Otto Ludwig statt Breisach Freiburg vor. An Silvester 1633 steht wiederum ein schwedischer Trompeter vor der Stadt und verlangt die Übergabe im Namen des Rheingrafen, doch erst im April 1634 lagert Otto Ludwig mit ernst undt zimblichen gewaldt zue roß und fueß vor Freiburg und beginnt mit der Einschließung und Beschießung. Der Sturm auf Freiburg in der Nacht vom 10. auf 11. April kostet etlich und 60 persohnen alhiesieger burge, bauern und soldaten das Leben. Zue verschonung mehr unschuldigen bluets auch geist= und weltlichem, weib und khindern, witwen und weisen schließt der Stadtrat den Akkord mit dem Rheingrafen [Maye10].

 

Nach der Niederlage von Nördlingen räumen die Schweden den Breisgau und das Elsass. Überhastet verlassen sie Freiburg, nicht ohne vorher die bestehende Misere der Bürger durch Plünderungen und Misshandlungen weiter zu vergrößern. Im Elsass lassen die Schweden bei ihrem Rückzug die von ihnen besetzten Orte Türckheim, Ensisheim, Münster, Kaiserberg, Oberehnheim und Schlettstadt unter französische Obhut zurück, wobei Frankreich den Städten ihre angestammten Rechte garantiert. Als die Franzosen am 9. September 1634 in Schlettstadt einmarschieren, werden sie als Befreier mit dem richtigen Gebetbuch begrüßt. Doch nach zwei Monaten ist die anfängliche Begeisterung gewichen, denn la misère s’est installée de telle sorte que plus personne ne voulait rester avec eux.

 

Andere Städte der Dekapolis suchen in den unsicheren Zeiten des 30-jährigen Krieges freiwillig den Schutz des französischen Königs [Gras98]. Nach dem Abzug der Schweden unterzeichnen Colmar 1635 und Kaiserberg 1636 in Rueil einen Vertrag mit der französischen Krone. Doch die Aussicht auf ein Leben in Frieden erfüllt sich auch für diese Städte nicht, denn in Kaiserberg werden die Einwohner von den Soldaten der französischen Garnison wie rassende Hünd angefallen und niedergerüssen. Schließlich ist die Stadt wegen solcher erlittener Einquartierung alles ruiniert [Vogl09].

 

La guerre de Trente Ans fut la plus grande catastrophe de l’histoire d’Alsace: Das Elsass verliert 60% seiner Bevölkerung, 200 Dörfer verschwinden von der Landkarte. Die Bevölkerung ist den Massakern der Söldner, die aus ganz Europa stammen, ausgeliefert. Die Leute leiden unter Hunger, so dass Friedhöfe bewacht werden müssen, um den Diebstahl von Leichen und damit Kanibalismus zu verhindern. Zwei Generationen Frauen erleiden Vergewaltigungen durch die Soldateska [Witt02].

 

 

Der Westfälische Frieden

 

Im Artikel 73 des Instrumenti Pacis Caesareo-Gallicum Monasteriense. begibt sich der Kaiser für sich, für das gesamte durchlauchtigste Haus Österreich und für das Reich aller Rechte, allen Eigentums, aller Herrschaften, Besitzungen und Gerichtsbarkeiten, die bisher ihm, dem Reiche und dem Haus Österreich zustanden, und zwar an der Stadt Breisach, der Landgrafschaft Ober- und Unterelsaß und der Landvogtei über die zehn im Elsaß gelegenen Reichsstädte, nämlich Hagenau, Kolmar, Schlettstadt, Weißenburg, Landau, Oberehnheim, Rosheim, Münster im St. Gregoriental, Kaysersberg, Türkheim, sowie an allen Dörfern und sonstigen Rechten, die von der vorerwähnten Vogtei abhängen, und überträgt sie sämtlich auf den allerchristlichsten König und das Königreich Frankreich, so daß die vorerwähnte Stadt Breisach mit den zur Stadtgemeinde gehörenden Weilern Hochstatt, Nieder-Rimsingen, Harten und Acharren einschließlich des gesamten von alters her bestehenden Gebietes und der Bannmeile, jedoch ausgenommen die schon früher vom Haus Österreich erlangten und erhaltenen Privilegien und Freiheiten dieser Stadt.  

 

Andererseits bestimmt Artikel 87 des Dokuments: Der allerchristlichste König soll verpflichtet sein, nicht nur die Bischöfe von Straßburg und Basel einschließlich der Stadt Straßburg, sondern auch andere im Ober- und Niederelsaß befindliche reichsunmittelbare Stände, nämlich die Ämter von Murbach und Lüders, die Äbtissin von Andlau, das Benediktinerkloster im Sankt Gregoriental, die Pfalzgrafen zu Lützelstein, die Grafen und Freiherrn zu Hanau, Fleckenstein, Oberstein und die Ritterschaft des gesamten Unterelsaß, ferner die zuvor erwähnten zehn Reichsstädte, die zur Vogtei Hagenau gehören, in der Freiheit und Reichsunmittelbarkeit zu belassen, in der sie sich bisher befunden haben, und zwar in der Weise, daß er künftig keine Oberhoheit über sie in Anspruch nehmen wird, sondern sich mit jenen Rechten zufriedengibt, die das Haus Österreich innehatte und die durch den gegenwärtigen Friedensvertrag der Krone Frankreich abgetreten worden sind. Dies soll jedoch in der Weise geschehen, daß dem Recht auf Oberherrschaft, das zuvor gewährt worden ist, durch die gegenwärtige Erklärung kein Eintrag geschieht oder es [auf andere Weise] geschmälert wird. Damit sind Breisach als rechtsrheinischer Brückenkopf sowie zehn elsässische Reichsstädte einerseits von nun an auf ewige Zeiten dem Allerchristlichen König und der Krone Frankreichs einverleibt, andererseits sollen diese Stände die Freiheit ihre Reichsunmittelbarkeit behalten, wie das bisher unter Österreich der Fall war [Kopf70, Auss08].  

 

Frankreich sieht die im Westen vom Reich abgetrennten Gebiete bereits voll als die seinen an. Insbesondere ist nach welscher Lesart der nunmehr vom französischen König bestellte Grand-Bailli in Haguenau der Vertreter des Herrschers über die Dekakapolis, während der frühere Reichslandvogt in Hagenau nach österreichischer Auslegung nur eine Titelbezeichnung ist [Gras98]. Keine der vertragsschließenden Parteien möchte darüber weiteren Streit, und so schreibt der französische Gesandte in Münster und Osnabrück Abel Servien dem jungen Louis XIV, der noch minderjährig bereits 1643 König geworden war: Sire, je crois, qu'il se faudra contenter que chacun explique le traité comme il l'entend* [Sayn71]. Der österreichische Kanzler Volmar dagegen tönt: Le plus fort l’emportera [Vogl09].

*Sire, ich glaube, man muss sich damit abfinden, dass jeder den Vertrag auslegt, so wie er ihn versteht.

**Der Stärkere wird gewinnen  

 

Die Nachfolger Richelieus bezeichnen den Westfälischen Frieden als einen der schönsten Juwelen in der französischen Krone [Crai91]. Heutige französische Geschichtsschreiber sehen das Ergebnis der Verträge von Münster und Osnabrück wie folgt: En 1648 l'Alsace n'est pas devenue française par sa propre volonté; on ne le lui a pas demandé. Mais elle n'a pas non plus été prise par violence par le roi de France. C'est plutôt l'Empire qui l'a abandonnée au roi de France qui y vient en 1635 à l'appel des villes et des seigneurs alsaciens protestant*[Gras98]. In der Tat, im Elsass herrscht zu jener Zeit ein Machtvakuum und so begibt sich das ohnmächtig den Wirren des großen Krieges ausgelieferte Land unter den Schutz der Krone Frankreichs.

*Das Elsass wurde 1648 nicht französisch, weil es das so wollte; man hat es gar nicht gefragt. Noch nahm es der französische König mit Gewalt. Das Reich hat vielmehr das Elsass dem französischen König überlassen, der im Jahre 1635 auf Bitten der protestantischen Städte und Herrschaften ins Land gekommen war.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Unsere Städte im Elsass

 

Zwar ist das Elsass in französischer Hand, die Städte der Dekapolis aber beeilen sich, ihre Treue gegenüber dem Reich zu versichern, zumal der Nürnberger Reichstagsabschied von 1650 deutlich von unseren Städten im Elsass spricht. Doch nach den Bestimmungen des Friedensvertrages von Münster ernennt Louis XIV den Herzog Lothringens von französischen Gnaden Comte d’Harcourt 1651 zum ersten Grand-bailli in Haguenau. Von nun an übernimmt in den zehn Städten ein königlicher Profoss (prèvot) die rechtlichen Aufgaben des Schultheißen.

 

Zu der Zeit finden in Frankreich die innenpolitischen Auseinandersetzungen mit der Fronde statt. In dieser schwierigen Situation kommt aus Paris die Botschaft, die Städte nicht vor den Kopf zu stoßen und ihre Privilegien auch unter französischer Herrschaft zu bestätigen. Feierlich garantiert d’Harcourt den Städten, die ihre Abgeordneten weiterhin zum immerwährenden Reichstag nach Nürnberg schicken, leurs franchises, libertés et immédiateté envers l'Empire*.

*ihre Rechte, Freiheiten und Reichsunmittelbarkeit  

 

Da hebt die Dekapolis das Haupt. Über Schlettstadt weiß Marschall de la Ferté seinem Herrn Kardinal Mazarin sogar zu berichten: Nous avons trouvé que, de dix villes impériales qui sont en Alsace sous la protection du roi, il n’y a que Schletstadt de catholique … laquelle a été si maltraitée des Français qui ont tenu leur garnison longtemps, qu’elle est très partiale des ennemis de la France … hatten doch deren Einwohner den Abzug der französischen Truppen 1649 mit einer Prozession gefeiert. So verzichtet während des Frondeaufstandes der Kardinal gern darauf, ins gut katholische Schlettstadt zu flüchten.

 *Wir haben gefunden, dass unter den zehn Reichsstädten im Elsass, die sich unter dem Schutz des Königs befinden, nur das katholische Schlettstadt von den Franzosen, die dort lange eine Garnison unterhalten haben, so schlecht behandelt wurde, dass es besonders unter die Feinde Frankreichs gezählt werden muss.

 

Auch Comte d‘Harcourt versucht die politische Lage auszunutzen und sich den Traum Bernard von Weimars zu erfüllen. Mit Unterstützung ausländischer Mächte und unter Einbeziehung des Elsass möchte er sich einen unabhängigen Staat, der von Burgund bis nach Lothringen reicht schaffen. Als im Jahre 1652 die Lothringische Armee ins Elsass einfällt und die Landschaft verwüstet, kommt der Kayserberger Stadtrat zu dem Schluss:  Das beste Mittel seye … bezahlen … damit mann ihnen vom hals abkommen [Vogl09].

 

 

Ihm allein und sonst niemand

 

Nach Kaiser Ferdinand III. betont auch Leopold I., dass die Städte der Dekapolis zum Reich gehören. Nach der Niederschlagung der Fronde ändert sich 1659 der Ton gegenüber den zehn Städte mit der Ernennung des Marquis de Meilleraye, Herzog von Mazarin und adoptierte Neffe des gleichnamigen Kardinals. Mazarin möchte den Städten den Treuschwur auf den französischen König aufzwingen. Schließlich erwartet der französische König von den zehn Städten Geld und Soldaten, Gehorsam und Respekt. Nach zähem Ringen mit dem Grand-bailli leisten die zehn Städte am 10. Januar 1662 den Treuschwur auf den französischen König, doch lassen sie gleichzeitig den Kaiser wissen, dass sie nur der Gewalt nachgegeben haben und dass sie auf seine Intervention zählen. Am 3. Oktober 1664 lässt der Stadtrat von Schlettstadt die vor dem Rathaus versammelte Bevölkerung  den Treueeid auf den neuen Kaiser Leopold I. schwören: Ihm einzig und allein und sonst niemand!.

 

Colmar prägt 1666 den Trutzthaler mit dem Bild des Kaisers und der befestigten Stadt mit der Umschrift: Moneta Liberae civitatis Imperialis Colmariensis*

 *Münze der freien Reichstadt Colmar

 

   Als auch weiterhin die Dekapolis die Erwartungen des Tributs an den französischen König nicht erfüllt, schreibt im Juni 1673 der große Condé an den Kriegsminister Louvois: Les dix villes impériales, loin d’être soumises au roi comme elles le devraient être, sont presque ennemies … je crois que le roi devrait prendre le temps qu’il jugerait à propos pour mettre Colmar et Haguenau à la raison. Ce serait chose facile ; les autres suivraient sans contredit !

 

 Das geschieht dann auch mit einem großen Militäraufgebot unter Kriegsminister Louvain und im Beisein Louis‘ XIV, der in einem Brief an seinen Minister Colbert schreibt: Je pars jeudi pour aller en Alsace me délivrer de la peine que ces chenils (diese zehn Städte) me peuvent faire. Der Geschichtsschreiber Louis‘ XIV notiert über Colmar: C’est peu de chose, quant à ces fortifications … Der Zug des Königs erreicht die Stadt, die der Marquis de Coulange zwei Tage zuvor eingenommen hatte, am 30. August gegen elf Uhr und betrachtet, ohne Colmar zu betreten, wie die Soldaten die Befestigungen  zerstören.

 

Ab dem 1. September wird Schlettstadt geschleift, ab dem 3. September Türkheim. In den folgenden Wochen erleiden alle Städte der Dekapolis das gleiche Schicksal, wie der Stadtrat von Kayserberg bekundet: Im Sept. hat er (Louis XIV) die 10 verainte Reichstätte ganz demoliert und damit auch diese Statt Kayserberg erbarmlich ruiniert. Gott verleihe der Posteritet bessere Zeiten. Was nützt es, dass Kaiser Leopold in einem Memorial den französischen König beschuldigt, den Westfälischen Frieden gebrochen zu haben.

 

Oberehnheim, Rosheim und Schlettstadt leisten sich Anfang Oktober 1674 ein letztes Aufbäumen gegen die französische Herrschaft, nachdem sie mit dem Bevollmächtigten des Kaisers in Straßburg Graf Ludwig Gustav von Hohenlohe einen Vertrag abgeschlossen hatten. Am 14 Oktober überqueren die kaiserlichen Truppen die dortige Rheinbrücke. Georg Wilhelm von Braunschweig lässt in aller Eile die Befestigungen von Schlettstadt wieder aufrichten, wo seine Truppen sich wie die Türken aufführen.

 

 Bei Entzheim liefert Turennne den Kaiserlichen unter dem brandenburgischen Kurfürsten eine Schlacht, die unentschieden ausgeht, und nach der er sich mit seinen Truppen kurz nach Lothringen zurückzieht. Doch der General gibt nicht auf und fügt am 5. Januar 1675 den Kaiserlichen bei Türkheim eine entscheidende Niederlage bei. Weil Bürgermeister und greffier aus der Stadt geflohen waren, anstatt durch Späher den französischen Truppen die Annäherung an die Stadt zu erleichtern, nimmt Turenne grausame Rache: In dieser Stadt ging es alsdann grausam zu. Während der nächsten Wochen rauben und töten die französischen Soldaten, schonen weder Frauen noch Kinder. Da haben Leopolds Truppen bereits das Elsass verlassen.

 

Deshalb gibt Louvois am 22. Dezember 1676 den Befehl, die Befestigungen der Stadt endgültig zu schleifen, die Einwohner zu vertreiben und die Stadt bis auf die Kirchen niederzubrennen. Dabei empfiehlt er dem Kommandanten vor Ort Montclar, qu’il ne paraisse pas que vous ayez l’ordre mais bien que vous ayez pris ce party-là de vous-même, damit des Königs Ansehen nicht geschädigt wird. Unter dem Verbot zurückzukehren, flüchten die Vertriebenen nach Bischwiller und schreiben von dort einen Brief an den Kaiser, in dem sie ihre verzweifelte Lage schildern und um Schutz bitten. Leopold versucht, dem Hilferuf nachzukommen. Noch einmal rückt eine kaiserliche Armee 1677 ins Elsass ein, doch die Städte sind ausgeblutet. Beim Anrücken des Feindes legen die Franzosen am 24. Januar Weißenburg in Schutt und Asche.

 

Anschließend diktiert Louis XIV Kaiser Leopold seine Bedingungen. Der Kaiser muss die Eroberungen Frankreichs im Elsass gutheißen: L’empereur et l’Empire nous ont cédé tous les droits sur la préfecture (le grand-baillage) des dix villes impériales … pour être unis et incorporés à perpétuité à notre Couronne [Vogl09]. Erst im Vertrag von Nijmwegen ersetzt in der Dekapolis die Bourbonenlilie definitiv den Reichsadler.  Einzig das stolze evangelische Straßburg bleibt beim Reich.

 *Kaiser und Reich haben Uns alle Vogtrechte über die zehn Reichsstädte überlassen .. damit sie vereint auf ewig Unserer Krone einverleibt seien  

 

Großmütig überlässt Louis Leopold die Entscheidung, ob er von seinen früheren Besitzungen lieber Freiburg oder eher Philippsburg zurückhaben möchte. Als die kaiserliche Delegation auf diesen Vorschlag nur zögerlich reagiert, verlangen die französischen Verhandlungsführer, nicht nur die Stadt, sondern die Abtretung des gesamten Breisgau, denn Freiburg, bisher Sitz der Regierung des Breisgaus und der kaiserlichen Oberbeamten, sei in Wahrheit die Hauptstadt diese Landstrichs; letzterer bilde eigentlich nur ein natürliches Anhängsel zur Stadt und es sei ja herkömmlich, daß wo feste Plätze abgetreten würden, das dazu gehörige Land immer mit einbegriffen sei [Damm83]. Da behält der so erpresste Kaiser im Friedensvertrag lieber Philippsburg und verzichtet auf Freiburg samt den Dörfern Lehen, Betzenhausen und Kirchzarten.

 

 

Sébastien Le Prestre de Vauban baut Freiburg zur Festung aus

 

Nun besitzt Frankreich neben dem rechtsrheinischen Brückenkopf Breisach mit der Stadt Freiburg einen Vorposten mitten in den habsburgischen Vorlanden. Einst hatte der König verkündet: je veux bien faire de la dépense aux choses dont je tire de l'aventage*, doch als auf seine Anweisung Vauban die Stadt zu einer modernen Festung ausbauen soll, wird dies in Frankreich nur als la dernière folie de Louis XIV verspottet. Für die städtische Entwicklung Freiburg hat dieser letzte Schwachsinn des Königs Konsequenzen, die bis ins 19. Jahrhundert reichen werden.

*Ich will gern Geld ausgeben für Dinge, aus denen ich Nutzen ziehe  

 

 

Friedliche Reunionen im Elsass

 

Auf der anderen Rheinseite im Elsass werden im Zuge friedlicher Reunionen* im Laufe der folgenden Jahre 160 weitere deutsche Städte französisch. So kommt der Sonnenkönig seinem Ziel einer natürlichen Rheingrenze Frankreichs immer näher.

 *Selbst das rechtsrheinische Breisach ist Sitz einer Reunionskammer

 

 Als im September 1681 die Franzosen mit 35000 Mann vor Straßburg stehen, ersucht die freie Reichstadt vergebens Kaiser und Reichstag um Hilfe. Der Ammeister Franciscus Reisseisen erinnert sich des Ultimatums des Kriegsministers Louvois: Wenn man sich nicht den anderen Tag morgens um 7 Uhren ergeben würde, so wär keine Gnad mehr vorhanden und würde die Stadt mit Feuer und Schwert in Grund verderben [Schi89]. Chancenlos gegen die Übermacht kapituliert die Stadt am 30. September. So kann der Kriegsminister seinem König melden: Sire, Strasboug est à vous. Da macht sich Louis XIV auf dem Weg nach Strasbourg, um dort persönlich das Münster, in dem man seit 1529 lutherische Gottesdienste abgehalten hatte, der katholischen Kirche zurückzugeben. Auf seinem Wege empfängt er am 14. Oktober in Sélestat die Stadträte von Straßburg, die vor ihm auf den Knien liegen. Sie müssen dem König huldigen und eine französische Garnison akzeptieren. Louis macht Straßburg umgehend zur Hauptstadt der französischen Provinz Elsass, zu der auch Freiburg gehört.

 

 

 

Das ist nicht alles. Die Oberrheinregion bleibt geschichtlich auch weiter im Blickpunkt. Es wird noch folgen:

 

Die Französische Revolution und Napoleon

Die Annexion des Elsass 1871 als Reichsland

Die Wiedervereinigung mit Frankreich 1918

Der Zweite Weltkrieg

Der Weg nach Europa

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Literatur

 

 Auss08: Ausstellung zur Stadtgeschichte Breisachs, Stadtmuseum im Breisacher Tor 2008

 

Bade61: Joseph Bader, Auszüge aus amtlichen Berichten von 1638,
Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 12, 481, 1861

 

Bade82: Joseph Bader, Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau,
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg 1882/83

 

Damm83: F. L. Dammert, Freiburg in der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts,

Zeitschrift der Gesellschaft für Beförderung der Geschichts-, Althertums- und Volkskunde 6, 1, 1883

 

Goer04, Hans-Jürgen Goertz: Deutschland 1500-1648, Eine zertrennte Welt,
Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2004  

 

Gras98: Jean-Paul Grasser, Une histoire de l'Alsace, Editions Gisserot, Strasbourg 1998

 

Kieß02: Rolf Kießling, Der Bauernkrieg, Deutsche Erinnerungsorte II, 137, C. H. Beck, München 2002

 

Kopf70: Hermann Kopf, Unter der Krone Frankreichs, Freiburg im Breisgau 1677-1697,  

Schauinsland 88, 23 1970

 

Maye10: Hermann Mayer, Freiburg i. Br. und seine Universität im Dreißigjährigen Krieg 1,

Alemannia  26, 121, 1910

 

Rupp83: Ph. Ruppert, Die Kriegsereignisse im Breisgau von 1632 bis 1635, Zeitschrift der Gesellschaft für Beförderung der Geschichts-, Althertums- und Volkskunde 6, 243, 1883

 

Sayn71: Franz Prinz zu Sayn-Wittgenstein, Fahrten ins Elsaß, Prestel Verlag, München 1971

 

Schi89: Heinz Schilling, Höfe und Allianzen, Deutschland 1648-1763, Siedler Verlag 1989

 

Schm99: Georg Schmidt: Geschichte des alten Reiches, C. H. Beck, München 1999

 

Schr57: Heinrich Schreiber, Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau,
Verlag von Franz Xaver Wangler, Freiburg 1857

 

Schw09: Ulrich Schwarz, Revolution des Glaubens, SPIEGEL Geschichte 5, 105, 2009

 

 

Smol02: Heribert Smolinsky, Ecclesiae rhenanae, Die Reform am Oberrhein und ihre Eigenart,

in Habsburg und der Oberrhein, Waldkircher Verlagsgesellschaft, Waldkirch 2002

 

Vogl09: Bernard Vogler (Direction), La Décapole,
Dix villes D’Alsace alliées pour leur libertés 1354-1679
, Editions La Nuée Bleue, Strasbourg 2009

 

 

This page was last updated on 30 November, 2011